Donatella di Pietrantonio
Arminuta
Roman
Aus dem Italienschen von Maja Pflug

Als die 13-Jährige mit einem Koffer und einem Sack voller Schuhe im August 1975 von ihrem bisherigen Vater bei ihren leiblichen Eltern in einem kleinen Dorf im Landesinneren abgegeben wird, sucht das Mädchen die Schuld für diese Katastrophe bei sich selbst. Welchen Fehler hat sie begangen, dass man sie zu ihren leiblichen Eltern zurückschicken musste? Oder gibt es einen anderen Grund dafür, ihr von einem Tag auf den anderen die Mutter, die Heimat und die Freundin zu nehmen und dabei so zu tun, als sei das völlig selbstverständlich?

Im Dorf nennt man sie „Arminuta“, die Zurückgekommene und so hart das Leben in der neuen, ärmlichen Umgebung auch für das Mädchen ist, so schwer sie jetzt neben der Schule auch noch arbeiten muss wie jeder in der Familie – mit der Zeit erfährt die Dreizehnjährige, dass die Gefühle, die in der neuen Familie gezeigt werden, echt sind. Selbst dann, wenn der Vater Vincenzo, seinen Ältesten, schlägt. Die kleine Schwester, mit der das Mädchen jetzt das Bett teilen muss, schließt die Ältere bald ins Herz. Adriana erweist sich mit ihrer unbedingten Zugewandtheit und Treue und einer guten Portion Realitätssinn als Rettung für Arminuta.

Donatella Di Pietrantonio lässt die Zurückgekommene selbst erzählen. Aus ihrer nüchternen Sprache spricht immerzu eine große Sehnsucht, oft auch ein Staunen, spricht der unüberwindbare Graben, der sich zwischen ihren beiden Leben aufgetan hat und eine Fremdheit, die sie von allen anderen und von dem, was sie für normal halten könnte, trennt: „Nach und nach ist mir auch diese verschwommene Vorstellung von Normalität abhandengekommen, und heute weiß ich nicht mehr, was für ein Ort eine Mutter ist.“

Ihre guten Noten in der Schule bringen sie zurück in die Stadt am Meer, in der sie einst lebte, aber nicht zurück in ihr altes Leben. Und obwohl sich für sie schließlich das Rätsel löst, als sie erfährt, warum man sie damals zurückgebracht hat, sie bleibt bis zur letzten Seite eine Namenlose. Diese nüchterne Sprache, unter der viele Emotionen spürbar werden, diese starken Bilder – der 2017 in Italien mit dem Premio Campiello ausgezeichnete Roman hat mich vollends in seinen Bann gezogen.

Kunstmann
Hardcover: 224 Seiten, ca. € 20,-
E-Book: ca. € 15,99
Originalausgen in italienischer Sprache: ca. € 20,99


DAS IST DRIN
eine Dreizehnjährige
wird zur Fremden
in der eigenen Familie
filmreife Bilder,
klare Sprache