Steffen Mensching
Schermanns Augen
Roman

Er ist eine denkwürdige Erscheinung, der 66-jährige Rafael Schermann, der im Oktober 1940 im Besserungsarbeitslager von Safranowka ankommt. Kaum hat es die Runde gemacht, dass der Neue direkt vom Gleis auf die Krankenstation expediert worden ist, steht das Lager Kopf. Womit hat sich der Alte diese Sonderbehandlung verdient? Steffen Mensching hat die reale Figur des Graphologen und Hellsehers Schermann unter die Lupe genommen – und die gesellschaftlichen Kreise des frühen 20. Jahrhunderts, in denen der Kosmopolit verkehrte, bevor sich seine Spur in einem sowjetischen Lager verlor. Ein packendes Charakterdrama, gleichzeitig ein Bildungsroman, ein Jahrhundertwerk!

Schermann wird die Pritsche neben dem jungen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn zugewiesen. Dem ist der Alte ein Rätsel. Nicht nur, dass der als Gulag-Gefangener wahre Schätze mit sich führt – eine Zahnbürste, ein mit europäischem Geld gefülltes Portemonnaie, ein Etui mit Nickelbrille und ein Adressbuch, in dem Else Lasker, Oskar Kokoschka, Martha Musil, Alfred Döblin zu finden sind – als wäre das in einem Arbeitslager das Normalste der Welt. Der in Krakau Geborene behauptet zudem auch noch, kein Russisch zu sprechen und beansprucht Otto Haferkorns Dienste als Übersetzer.
Das ungleiche Paar wird viel Zeit miteinander verbringen, in Verhören vor dem Lagerkommandanten Kosinzew; in der 5. Baracke, wo die Schwerstverbrecher untergebracht sind, die so berüchtigt sind, dass sie nie zu Holzfällerarbeiten antreten müssen. Uspechin, Chef der Räuber, Hehler und Mörder, der Lagerleiter, der Feldscher, alle tanzen um den Alten herum wie die Motten um das Licht – warum? Wegen seiner graphologischen Fähigkeiten, der Hellseherei? Seiner Vergangenheit wegen, wegen der Geschichten, die er von Karl Kraus, Lucien Vogel, aus den Wiener Kaffeehäusern, von seinen Fahrten über den Atlantik und den europäischen, russischen und amerikanischen Mitreisenden zu erzählen weiß? Und Haferkorn? Ist er sein Adlatus oder zieht er nur jeden möglichen Vorteil aus dem Kontakt mit dem Greis?

Was Mensching hier auffächert, ist ein ganzes Leben im bunten europäischen und internationalen gesellschaftlichen Kontext, ist das Leben im Gulag, ist das Leben eines jungen engagierten Kommunisten, dem seine große Liebe zur Falle wird, ist die Geschichte der europäischen Kommunisten, ist eine wahre Über-Lebensschule mit den Fächern Taktik, Täuschung, Vertiefung von Talenten, ist das Sich bewegen in gehobenen Gesellschaften des frühen 20. Jahrhunderts – das in Schurkenkreisen ebenso gut funktioniert. Bildmächtig ist dieser Roman, opulent in jeder Hinsicht, ein wenig desillusionierend, man könnte auch sagen: erhellend – nicht nur was den Anteil von Täuschung in Schermanns hellseherischen Fähigkeiten angeht. In jeder Hinsicht großartig!

Wallstein

Hardcover: 820 Seiten, ca. € 28,-
E-Book: ca. € 21,99


DAS IST DRIN
ein alter Graphologe,
ein junger Kommunist
gefangen im Gulag
ein Jahrhundertroman