Rosa Luxemburg
Briefe aus dem Gefängnis

Es fällt mir gerade schwer, zu lesen. Ich kann mich nicht konzentrieren, ich vermisse meine Freunde, ich fühle mich eingesperrt, obwohl ich zu den wenigen gehöre, die sich täglich zur Arbeit aufmachen dürfen.
Ich fahre mit dem Rad, mein Weg führt über weite Teile an einem Flusslauf entlang. In den letzten Wochen habe ich beobachtet, wie die Weiden sich zuerst mit zartem Grünschimmer umgaben, es war nur zu erahnen, wo dieser Schimmer begann und wo er endete. Kennen Sie Perückensträuche? Auch diese spielen den Augen solche Streiche. Mittlerweile gibt die ungezähmte Mähne der Weiden nur noch ab und an einen Blick frei auf ihre bizarren Äste.
Die Natur rettet mich in dieser Einsamkeit. Und die Phantasie, die mit mir auf Reisen geht.

Vielleicht bin ich deshalb zu der Lektüre von Rosa Luxemburgs Briefen aus dem Gefängnis zurückgekehrt. Zu ihrer sehr innigen Zuwendung und den zärtlichen Freundschaftsbekundungen Sophie Liebknecht gegenüber; zu den Landschaftsskizzen, die sie mit Worten ebenso lebhaft zu zeichnen weiß wie mit Pinsel und Stift. Einige der Zeichnungen und Aquarelle sind übrigens auf der leider vergriffenen Klappenbroschur des Karl Dietz Verlages abgedruckt: Stimmungsbilder, Sehnsüchte, erinnerte und verinnerlichte Landschaften. Es gibt diese Briefe aber auch in einer gebundenen Ausgabe.
Gerne lese ich auch Rosa Luxemburgs Schilderungen der kleinen Freuden, die ihr das Gärtlein in Wronke beschert: ein Zitronenfalter, der Gesang der Nachtigallen, das Licht der Dämmerstunde. In Breslau bleibt ihr nur der Himmel, die Beobachtung der Wolken, selbst das ist tröstlich.
Und dann holt sie mich doch auch wieder zurück zur Literatur – Galsworthy, Hölderlin, Mörike, Shakespeare, viele mehr.

Eine großartige Frau, eine wahrhaftige Seele, ein kostbares Buch, gerade jetzt.

Dietz Berlin
128 S., Klappenbroschur oder gebunden, von ca. € 2,- bis zu ca. € 12,-


DAS IST DRIN
Briefe aus der »Schutzhaft«
an Sophie Liebknecht
aufrichtig, oft tröstlich
 
 
 

AUTOR/IN
Biographie