Marie Darrieussecq
Hiersein ist herrlich
Das Leben der Paula Modersohn-Becker
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Patricia Klobusiczky

1900 reist Paula Becker, seit zwei Jahren Schülerin von Fritz Mackensen in Worpswede, zum ersten Mal nach Paris. Die junge Frau flaniert viel und überall, sie saugt die Schönheit dieser Stadt ein, das Pariser Leben, das Licht. Mehr als ein Jahrhundert später wird eine von Paulas Zeichnungen der in Paris lebenden Marie Darrieussecq auffallen. Aus der Begegnung der beiden Frauen ist dieses Buch entstanden: die Geschichte einer Annäherung, eine Biographie in Bildsequenzen, die sich mit Behutsamkeit und weiblichem Blick an das kurze Leben der Paula M. Becker herantastet, eine Kostbarkeit.

Holbein, Tizian, Botticelli im Louvre, an die Wand gelehnte Bilder von Cézanne bei Vollard, dem Kunsthändler auf der Rive Droite: Inspiration überall. Paula malt. Sie malt für sich, ihre Bilder werden nicht gesehen, nicht in Paris, nicht von den Worpsweder Kunden. Sie ist eine Frau und wagt es, sich dem männlichen Blick und Vorbild zu verweigern. Sie sucht ihren eigenen Weg aus der Tiefenillusion der traditionellen Malerei in die Moderne.
Mit Clara Westhoff und dem Dichter Rainer Maria Rilke verbindet sie innige Freundschaft, zuweilen vielleicht mehr als das. Heiraten wird Paula den stillen Maler Otto Modersohn, wenige Monate nach dem Tod seiner ersten Frau.
Öfter denkt sie auch an ihr eigenes Grab, sie wünscht es sich umpflanzt von weißen Nelken, ein Kiesweg darum und ein Holzgestell »still und anspruchslos«, um »die Wucht der Rosen zu tragen«. Marie Darrieussecq besucht Paulas Grab in Worpswede; darauf eine Skulptur von Bernhard Hoetger: »grauenhaft«. Selbst hier wird ihr Wunsch nicht ernst genommen und ein Freund der Malerin verewigt. Von ihren Bildern wurden zu Lebzeiten drei verkauft.

Dennoch war sie weltweit die erste Malerin, für die ein eigenes Museum gestaltet wurde, erbaut von Hoetger im Auftrag von Kaffee HAG-Kaufmann Ludwig Roselius in Bremen und 1927 eröffnet. Als Marie Darrieussecq 2014 das Museum Folkwang in Essen besucht, hängt eines der besten Selbstbildnisse Paula Modersohn-Beckers im Untergeschoss, zusammen mit anderen Werken von Frauen. In Wuppertal werden die 17 Werke der Worpsweder Malerin im Depot aufbewahrt. Der männliche Blick scheint auch heute noch tonangebend zu sein.

Zwei Welten begegnen sich in diesem Buch: eine Frau um die Wende zum 20. Jahrhundert, die sich dem Malen verschrieben hat. Eine Frau nach der Wende zum 21. Jahrhundert, die mit Worten malen kann. Paris und Worpswede, Deutschland und Frankreich. Es ist eine sehr ehrliche Begegnung, bei der nicht versucht wird, vorhandene Lücken zu füllen. Sie bleiben als Leerstellen zwischen den Absätzen stehen, Momente des Innehaltens in der intensiven, schönen Lektüre.

secession
Hardcover: 128 Seiten, gebunden, ca. € 18,-
Französische Originalausgabe bei Babelio, ca. € 8,49


DAS IST DRIN
Paula M. Becker:
Frau und Künstlerin
um 1900 und heute
lebendig, fesselnd
 
 

AUTOR/IN
Biographie