Davide Enia
Schiffbruch vor Lampedusa
Mit einem Nachwort von Albert Ostermaier
Aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olfa Matthias Roth

Schroff fallen die Felsen von Lampedusa im Westen ins Meer, nur vereinzelt finden sich Sandstrände an den übrigen Küsten. Die südlichste Insel Italiens war bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nichts weiter als ein Sommerferienparadies. 1996 trieb das erste Boot mit aus Afrika geflüchteten Menschen vor Lampedusa. Davide Enia, Dramatiker, Schauspieler und Autor, hat vor Ort das Gespräch mit Überlebenden und Einheimischen – Tauchern, Fischern, Rettungshelfern – gesucht. An seiner Seite erfahren wir, was es für die Menschen dort bedeutet, zu leben, helfen zu können und helfen zu müssen. Und wie es ihr Leben verändert hat.

Paola und Melo, ein Paar aus Palermo, haben vor einigen Jahren ein Bed & Breakfast auf Lampedusa im Haus von Paolas Vater eröffnet; die schönsten Dielen und Holzbalken hat ihnen das Meer angetrieben. Zögernd erzählen sie Davide von einem verregneten Abend, an dem sie von der Küste heraufkommend Stimmen hörten. Viele Stimmen, eine ganze Menschengruppe stieg da aus dem Wasser. Ihre erste Reaktion war Angst. Doch statt Türen und Fenster zu verschließen, fuhren sie mit dem Auto so nah wie möglich an die Küste, um mit den Scheinwerfern Licht zu spenden. Paola rettete einen Jungen vor dem Ertrinken, der kopfüber am Rand der Bucht im Wasser trieb. Die Geflüchteten montierten währenddessen den Außenbordmotor ab und warfen ihn in die Fluten, um nicht zurück aufs Meer geschickt zu werden. Paola und Melo versorgten alle mit Essen, Kleidung, Decken. Ins Haus kommen wollten die Geflüchteten nicht, der Hafenmeister holte die Gruppe von 44, 45 Menschen wenig später ab. Seitdem stehen Paola und Melo oft am Fenster, das zur nahen Bucht hinaus geht, und schauen ins Leere.

Es ist eine Geschichte von vielen. Wenn Davide Enia mit den Bewohnern von Lampedusa spricht, öffnen sie ihm ihr Herz. Denn die Erlebnisse mit den Ertrinkenden, den Geretteten, den Müttern, Kindern, Alten und Jungen wiegen so schwer und sitzen so tief, dass ihr Leben seitdem ein anderes ist. Bei den Interviews und Gesprächen wurde der Autor auf der Reise zeitweise von seinem Vater begleitet. Dessen Bruder Beppo, Enias Onkel, war zur Zeit der Reise schwer krank. Er wusste, dass er sterben würde. Seine Briefe und die Gespräche mit ihm sind auch in dieses Buch verwoben, und das ist wichtig. Denn die Liebe zu dem einen, dem man nahesteht, und die dann in die Trauer um den Verlust dieses Menschen mündet, lässt einen ahnen, wie groß die Trauer der Angehörigen um die vielen ertrunkenen Menschen auf der Flucht ist. Davide Enia hat ihnen mit diesem ehrlichen, oft berührenden, dabei sehr tröstlichen Buch ein würdiges Angedenken geschaffen.

Wallstein
Hardcover: 238 Seiten, gebunden, ca. € 20,-
E-Book: ca. € 15,99
Italienische Originalausgabe: Sellerio, E-Book, ca. € 9,99


DAS IST DRIN
Lampedusa – Licht, das
die Finsternis besiegt
Lampedusa – der Fels
in der Brandung
berührende Gespräche