Felwine Sarr
Afrotopia
Aus dem Französischen von Max Henninger

Im Lauf der Geschichte wurde der Kontinent Afrika und mit ihm all seine Bewohner in jeder Hinsicht missbraucht. »Plünderungen, Verwüstung von Leben und Kulturen, Genozide (die Herero), Vergewaltigungen, Menschenversuche: Sämtliche Formen der Gewalt haben dort mühelos ihren Höhepunkt erreicht.«
Die Zukunft, so die Stimmen der westlichen Welt, soll Afrika dagegen zum künftigen Eldorado des Weltkapitalismus machen. Jetzt schon sei der Kontinent Ziel der internationalen Kapitale, auch dank der Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen und Rostoffen. Ist dies die Zukunft, die Afrika für sich will? Felwine Sarr, Senegalese, Schriftsteller und Professor für Wirtschaftswissenschaften, entwirft eine gänzlich andere Zukunftsvision von großer Menschlichkeit und Relevanz.

Die Befreiung aus der Dialektik von Euphorie und Verzweiflung, die dem Kontinent ebenso übergestülpt wird, wie er ungefragt über Jahrhunderte ausgebeutet worden ist, ist der Ausgangspunkt dieser Utopie. Eine, die nicht in Träumereien enden will, sondern im Konzipieren von Räumen des Reellen, »die dann denkend und handelnd herbeizuführen sind.« Diese Arbeit wird in Angriff genommen von Intellektuellen, Denkern und Künstlern, die einer erneuten systematischen Kolonialisierung durch die Festlegung auf das Denksystem des unbedingten Kapitalismus entgegenarbeiten. Der Weg führt weg von der Quantifizierung einer Gesellschaft durch Wohlstandsindikatoren: »Das Leben lässt sich nicht im Messbecher erfassen, es ist eine Erfahrung und keine Leistung.« Ebenfalls weg von der Vorstellung des Begriffes »Entwickeln« im Sinne von: etwas wider alle gegebenen Voraussetzungen durchsetzen hin zu dem sich entwickeln lassen dessen was »bereits latent, als Potenzial vorhanden ist.«
Afrika neu denken heißt in Sarrs Verständnis demnach, das Offene denken, »das Leben, das Lebbare, das Gangbare anders zu denken als im Modus der Quantität und der Habgier.« Und das Potenzial dieses Kontinents liegt genau darin: »inmitten einer Sinnkrise einer technizistischen Gesellschaft eine andere Sichtweise auf das gesellschaftliche Leben zu bieten, …, die einen gemeinsamen Traum von Leben, Gleichgewicht, Harmonie und Sinn nährt.«

Außergewöhnlich viel habe ich bei dieser Empfehlung aus dem besprochenen Werk zitiert. Das liegt daran, dass der Autor mit seinen Gedanken, Analysen, Formulierungen immerzu den Nagel auf den Kopf trifft. Große Verbeugung in diesem Zusammenhang auch vor dem Übersetzer, der die Schlagkraft der treffenden Worte aus dem Französischen ins Deutsche transportiert hat.
Nicht alle wichtigen, excellenten, weiterführenden Gedanken können hier referiert werden. Lesen Sie selbst! Dann werden Sie bestätigt finden, dass »Afrotopia« zunächst ein Buch über Afrika, seine Geschichte, seine Gegenwart, seine Zukunft ist. Es ist weitergreifend aber auch ein Buch über Zukunft und Geschichte der ganzen Menschheit. Ein starkes, sehr wichtiges Buch, nicht nur in diesem Frühjahr!

Matthes & Seitz, Berlin
Hardcover: 176 Seiten, ca. € 20-
E-Book: ca. € 15,99
Französische Originalausgabe: Éditions Philippe Rey, ca. € 19,99


DAS IST DRIN
Rohstofflager der Welt?
Oder Wiederaufbau
einer
unterdrückten
Identität?

Und das zum Nutzen aller!
 
 
 

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Biographie