Géraldine Schwarz
Die Gedächtnislosen
Erinnerungen einer Europäerin
Aus dem Französischen von Christien Ruzicska

Eine gewöhnliche deutsche Familie auf väterlicher Seite, mütterlicherseits eine gewöhnliche französische: So ist Géraldine Schwarz aufgewachsen. Die Europäerin stellt sich in diesem Buch ihrer Familiengeschichte und mit den Geschichten ihrer Großeltern der Geschichte des Nationalsozialismus, des Vichy-Regimes und deren Aufarbeitung im 20. und 21. Jahrhundert. Ein wichtiges Buch, das am 5. Dezember in Brüssel mit dem Europäischen Buchpreis 2018 ausgezeichnet worden ist.

Jeder von uns kann nach Antworten auf diese Fragen suchen: Welche Rolle spielten unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern im Dritten Reich, in den antisemitischen Bewegungen, im Zweiten Weltkrieg. Géraldine Schwarz ist den Fragen nachgegangen und hat herausgefunden, dass ihr deutscher Großvater Karl Schwarz als Mitläufer von den Rassengesetzen der Nationalsozialisten bewusst profitiert hat.
Im August 1938 kauft er die Mannheimer Mineralölfirma der Gebrüder Löbmann zum damaligen Marktpreis, festgelegt durch die Arisierungserlasse. Von den ehemals jüdischen Besitzern wird nur Julius Löbmann überleben. Seine Familie, die seines Bruders und der Kompagnon der Brüder, Wilhelm Wertheimer, sie alle sterben in den Lagern des Vichy-Regimes oder in Auschwitz. Im Vichy-Regime wiederum war Schwarz‘ französischer Großvater Gendarm.
Die Autorin folgt den Lebensfäden von Opfern, Tätern und Mitläufern, sie verwebt sie zudem mit deren politischen und gesellschaftlichen Alltag und beleuchtet viele der Maßnahmen zur Aufarbeitung des unmenschlichen Systems der Nationalsozialisten im geteilten Deutschland, in Frankreich, Österreich, Ungarn und Italien. Es entsteht ein sehr eng geknüpfter Teppich mit vielen Mustern von Leid, Schuld, Verdrängung und Aufarbeitung. Bei der Lektüre wird klar, wie viel Arbeit in diesem Buch steckt, nicht nur Recherche, sondern auch persönliche Aufarbeitung, und das ist das Berührende und Besondere an Géraldine Schwarz‘ Erinnerungsarbeit, die zur Nachahmung auffordert.

Sich zu erinnern kann schmerzhaft sein, sich zu erinnern kann heilsam sein, in jedem Fall aber ist Erinnerung und Aufarbeitung von Vergangenem für die Zukunft eines Menschen, einer Familie, eines Staates und einer Staatenunion wichtig. Denn wenn dies nicht geschieht, kommen sie wieder, die Dämonen von einst. Wir sollten die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ebenso ernst nehmen wie die Grausamkeiten der Vergangenheit.

secession
Hardcover: 446 Seiten, ca. € 28,-
E-Book: ca. € 22,99
Französische Originalausgabe: Flammarion, ca. € 13,99 bis 20,-


DAS IST DRIN
70 Jahre Erinnerungsarbeit
gegen rechtspopulistische
Tendenzen
in BRD, DDR, Frankreich,
Italien, Ungarn, Österreich
ausgezeichnet mit dem
Europäischen Buchpreis