Roger Willemsen
Wer wir waren
Zukunftsrede

Gesetzt den Fall, die Menschheit hätte sich schon einige Jahrhunderte weiter entwickelt und würde auf unser Zeitalter zurückblicken, wie würde sie unser Handeln und dessen Konsequenzen für die folgenden Generationen beschreiben? Welche gesellschaftlich relevanten Entwicklungen werden unserem Zeitalter zugeordnet werden? Und welche neuen Lebensräume werden wir hinterlassen?

Die Zukunft, wie sie uns von den Medien gezeigt wird, kann nur glorreich sein. Dabei schlicht vergessen werden alle jetzt schon vorhersehbaren Krisen wie Klimaerwärmung, Abschmelzen der Gletscher, Ressourcenknappheit, Überbevölkerung, multiresistente Keime. Schon zu oft gehört? Eine unangenehme Vorstellung? Ja, der Mensch des 21. Jahrhunderts neigt dazu, seine Bequemlichkeitszone auszudehnen und dabei auch das schnelle Altern unseres Planeten zu übersehen. Dabei ist unsere Generation doch extrem geübt im Umgehen mit multiplizierten Aufmerksamkeitsherden. Fahren, essen, Musik hören, sich gut fühlen, das alles kann jeder heute gleichzeitig. Wie kommt es dann dazu, dass wir manche offensichtlichen Phänomene einfach ausblenden? Oder mit Roger Willemsens gesprochen: »Woher nehmen wir nur all unser Nichtwissen?« Seine Erklärung: »Aus der Ignoranz weniger als aus der Ironie, sie bildet eine Immunschicht des Uneigentlichen gleichermaßen vor dem Ernst der Verhältnisse wie vor der Moral der Konsequenz.« Dazu kommt eine Bewusstseinsentwicklung, die uns erlaubt, mittels mehrerer zur Verfügung stehender Bildschirme multilateral überall gleichzeitig zu sein – nur nicht in der tatsächlichen Gegenwart, dem Hier und Jetzt. Pointiert gesprochen »organisieren wir das Leben geradezu als eine Prozess gegen das Bewusstsein, gegen die Geistesgegenwart, also die Voraussetzung für Mündigkeit, Souveränität, Selbstbestimmung und eine entsprechend vernunftgeleitete Praxis.« Mögliche Auswege aus dem Dilemma? Gibt es, und es sind nicht wenige. 

Diese Zukunftsrede, zugleich ein hervorragender Essay, hielt Roger Willemsen bei seinem letzten öffentlichen Auftritt. Sie ist das Vermächtnis des im Februar 2016 gestorbenen Autors. Ein mit 55 Seiten kurzer, verständlicher Text, bei dem die Ausrede, keine Zeit zum Lesen zu haben, nicht mehr greift. Es sind kluge Sätze, mit denen sich Willemsen aber in keiner Weise über die Lesenden und Lebenden stellt, sondern mit und für uns alle in Worte fasst, was viele von uns »so« nicht hätten formulieren können. »So« meint in diesem Fall: Mit einer Tiefe und Weltverbundenheit, die uns auch noch in Jahren emotional und intellektuell berühren wird und hier und jetzt zum Nachdenken und Vergegenwärtigen auffordert und anregt.

S. Fischer
Hardcover: 60 Seiten, ca. € 12,-
E-Book: ca. € 9,99
Hörbuch: tacheles, ca. € 12,-


DAS IST DRIN
ein präzise
gezeichnetes Porträt
unserer Zeit
mit Nachwirkungen