Deborah Feldman
Überbitten
Aus dem Englischen von Christian Ruzicska

Sieben Jahre braucht Deborah Feldman nach ihrer Flucht, um sich aus der unerbittlichen Ordnung religiöser Dogmen zu befreien, sieben Jahre, bis ihr an der Stelle ihrer leiblichen chassidischen Familie eine neue, soziale gewachsen ist, sieben Jahre bis sie die Fäden ihres Lebens und die ihrer Ahnen zu einem neuen Leben verwoben hat. »Überbitten« ist die Fortsetzung des Bestsellers »Unorthodox«: die Autorin erzählt hier von den Jahren unmittelbar nach der Flucht aus der ultraorthodoxen Gemeinschaft der Satmarer Juden; sie erzählt von ihrer Suche nach dem eigenen Ich. Und zwischen den Zeilen steht von Anfang an die Sehnsucht, die Vergangenheit im Hier und Jetzt mit der Zukunft zu versöhnen.

»Überbitten«, im Jiddischen »Iberbetn«, meint genau das: gegenseitige Versöhnung. Bei den Satmarer Chassidim wird diese Pflicht einander zu vergeben in einem täglichen Ritual kultiviert. Doch was geschieht, wenn die beiden Personen, die sich gegenüberstehen, Teil eines Menschen sind? Wenn das alte, von der Gemeinschaft programmierte Ich mit dem neuen, in die Freiheit drängenden Ich in Konflikt gerät? Und mehr noch: wenn das gegenseitige Vergeben nicht mehr erzwungen wird? Wer die Gemeinschaft verlässt, dem wird der Tod gewünscht. Und mit diesem Wunsch, der noch vor wenigen Wochen Teil des eigenen Glaubensprogramms war, soll man ein neues Leben beginnen können?
In diese Situation wird Deborah Feldmann geworfen, als sie beschließt, die Satmarer Chassidim zu verlassen. Ganz auf sich gestellt, muss sie für sich und ihren Sohn ein neues Leben finden, ein Konto eröffnen, Geld verdienen, eine Wohnung suchen, die bezahlbar ist und trotzdem in Manhattan liegen soll, weil sie hier als Jüdin die besseren Chancen hat, auf einen milden Richter zu treffen, wenn sie sich von ihrem Mann scheiden lassen will. Die Strenge der Glaubenssätze, denen hier entflohen wird, mag für viele Leser nicht nachvollziehbar sein. Aber wer auch nur ein wenig dazu bereit ist, die eigene gesellschaftliche Prägung zu hinterfragen, wird beginnen zu ahnen, wie schwer der Kampf dieser jungen Frau gegen sich selbst gewesen ist. Deshalb ist »Überbitten« ein Buch, das jeder Suchende lesen sollte: um sich dessen bewusst zu werden, was der eigene Anteil am bisher gelebten Leben ist, fernab der Programmierung durch Familie und Gesellschaft; um diesem Anteil trotz aller Angst vor dem Neuland, das man betreten wird, eine Chance zu geben; um sich auf den Weg zu machen, die widerstreitenden Kräfte in sich selbst zu versöhnen.

Nicht nur eine innere Reise wird hier unter selbstkritischem Blick in gelebten Szenen gespiegelt, die Autorin wird auch tatsächlich eine Reise dorthin antreten, wo ihre Familie vor, während und nach dem Fluch des Dritten Reichs gelebt hat: nach Ungarn, nach Schweden, nach Österreich, nach Deutschland. Und sie wird ein Familiengeheimnis aufdecken, das es ihr ermöglicht, die alten und die neuen Fäden ihres Lebens zu der eigenen Geschichte zu verweben, die sie in diesem Buch erzählt.

secession
Hardcover: 704 Seiten, ca. € 28
E-Book: ca. € 21,99


DAS IST DRIN
eine junge Frau
auf der Suche
nach Versöhnung
persönlich,
historisch, politisch