Philipp Blom
Gefangen im Panoptikum
Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart
Leben in den Ruinen der aufgeklärten Utopie
Aus der Reihe »Unruhe bewahren«

Wir leben in einer Welt des totalen Konsums und sind – aufs Neue unmündig – zu Sklaven des Marktes mutiert. Wo sind die Ideale der Aufklärung geblieben? Oder war diese Entwicklung in deren Ansätzen schon vorprogrammiert? Philipp Blom, Philosoph, Historiker und mehrfach ausgezeichneter Autor von Sachbüchern wie Romanen wagt in diesem Buch den Lupenblick auf neuralgische Punkte vielversprechender Ideologien und Gesellschaftsentwürfe, die uns die heutigen Lebensformen und damit verknüpfte Zukunftsvisionen beschert haben.

Bloms Reise beginnt in den Ruinen des Presidio Modelo auf der Isla de la Juventud, dem Panoptikum des 20. Jahrhunderts, das eine Kontrolle aller Gefangenen im fünfstöckigen Rundbau vom mittig stehenden Wachturm aus ermöglichte.
Dieser Bau wird zum Sinnbild der Perfektion einer streng hierarchisch geordneten Welt des Rationalismus, die den Traum vom freien Menschen schon im 19. Jahrhundert durch ins Extreme getriebenen Prinzipien in einen Albtraum verkehrte. So benutzte Jeremy Bentham, Begründer des Utilitarismus, seinen Patensohn John Stuart Mill zu nichts weniger als einem Menschenversuch: Der strikt nach utilitaristischen Prinzipien Erzogene wäre mit Anfang Zwanzig an dieser rein rationalen Zielorientierung zerbrochen, hätte er sich nicht aus der Welt reinster Prinzipien befreit und ein Glück in der Welt der Schönheit gefunden, die gleichermaßen von »nutzlosen, zufälligen und irrationalen Faktoren abhängt«.
Freud erforschte diesen Regelbruch um die Jahrhundertwende neu und lieferte damit seinem Neffen und erfolgreichen Werbefachmann des frühen 20. Jahrhundert den wissenschaftlichen Hintergrund zu seinen Erfolgen: Edward Bernays stand nicht nur ein Mensch, ihm standen Millionen von Versuchskaninchen in der Form von Verbrauchern zur Verfügung. Und sie ließen sich nur allzu gerne von seinen irrationalen Versprechen verführen und kauften die von ihm angepriesenen Waren im Glauben daran, dass deren Besitz ihr Leben verändern werde.

Unterhaltsam und abwechslungsreich sind diese Reisenotizen aus 400 Jahren Menschheitsgeschichte in der Tat, zumal Blom seine Erkenntnisse am Ende des Bandes zu einer Novelle verarbeitet – ein eigener, bewusst platzierter Regelbruch und zusätzlicher Genuss. Erschreckend aber ist und bleibt dabei das Bild unseres Menschseins, von Blom so oder anders immer wieder pointiert und provokativ in Worte gefasst: »Vierhundert Jahre organisierte Religion, vierhundert Jahre Aufklärung – und wir verhalten uns im Kollektiv noch immer wie Bakterien.« Gibt es Hoffnung? Nur wenig: in der Kunst und im Erleben echter Gemeinschaft.

Residenz
Klappenbroschur: 96 Seiten, 8 s/w-Abbildungen, ca. € 18,-
E-Book: ca. € 12,99


DAS IST DRIN
400 Jahre
Aufklärungsgeschichte
mit klarem Blick
beobachtet
und anschaulich
formuliert