Antonio Tabucchi
Reisen und andere Reisen
Aus dem Italienischen von Katrin Fleischanderl

Mit Antonio Tabucchi kann man auf die vielfältigsten Weisen verreisen. Gänzlich unvorbereitet oder aber mit ausgewählter Lektüre, hinein in Städte, durch Länder und darüber hinaus durch ganze Kulturlandschaften. Seine Bücher und Geschichten lassen Leserinnen und Leser sogar mühelos mitten in die Träume der Figuren, wirklich nahezu überall hin reisen – und das ein ganzes Leben lang.

Tabucchis erste Reise, von der er hier erzählt, führte ihn rund um die Welt, während er – im Kindesalter – die Stevenson’sche Schatzinsel in seinem Atlas suchte. Vielleicht ist es aber auch ganz anders gewesen und dieser erste Essay in dem Buch, das mit seinen Lesern zu anderen Ufern aufbricht, ist Fiktion oder die Verarbeitung einer Erinnerung oder deren Fiktionalisierung oder all das zusammen. Letztendlich wird das nie herausgefunden werden und es kann uns auch gleich sein. Denn mit dem Essay ist eines gelungen: das Ablegen des Schiffes vom Land, das sich Entfernen des Lesers von der Situation, in der er begonnen hat, zu lesen.
In dem letzten Kapitel des Buches läuft der große Gelehrte und Literat wieder in den Hafen ein und kehrt zurück an Land. Das gelingt ihm, obwohl dieses Mal nicht nur die Erde, sondern das ganze Universum Gegenstand seiner Betrachtung ist. Erzählt wird nach orientalischem Vorbild ein Zwiegespräch zwischen einem Astronomen und einem »Mann ohne Land«, die sich gegenseitig die wichtigsten Dinge ihres Lebens kundtun. Der Astronom weiß unendlich viel über die Erde, die Lichtgeschwindigkeit, das Universum. Was der »Mann ohne Land« diesem Wissen des Geistes entgegenstellt, ist das Wissen des Herzens, das aus seiner Hände Arbeit mit der Erde erwachsen ist. Welches Wissen nun ist das essentielle?
Nach Paris, Kreta, Singapur, Pisa, Indien, Kairo, Australien, natürlich auch nach Portugal, und an viele andere Orte entführt dieses Buch. Bekannte und unbekannte Landschaften tauchen vor dem inneren Auge auf und bringen Saiten zum Klingen; Erinnerungen oder Neugierde werden geweckt – und schon ist man auf der Reise. Auch Tabucchi, dem Dichter, dem Menschen, dem Philosophen, dem Schriftsteller, der 2012 verstarb, begegnet man hier immer wieder. Und das ist tröstlich.
All diese Eindrücke und Assoziationen kann man in einem Lektüregang nicht bewältigen. Ein Land – selbst eine Stadt – wird man auch nicht mit nur einem Besuch erfassen.

Hanser
Hardcover, 255 Seiten, ca. € 19,90
E-Book: ca. € 15,99

 
DAS IST DRIN
Essays
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