Alexander Osang
Fast hell

Wie erzählt man von der eigenen Vergangenheit, wenn sie einem im Laufe der Zeit fremd geworden ist? Osang wählt das Gespräch mit einem Gegenüber und bricht mit dem rätselhaften Ostdeutschen Uwe und dessen Mutter auf zu einer Reise in die weißen Nächte von St. Petersburg. Entstanden ist ein Rückblick, fast eine Beichte und fast ein Roman. In jedem Fall ein facettenreicher, sprachlich brillanter Essay über das Leben mit und ohne Mauer.

Dieser Uwe, wie Alexander Osang in der DDR geboren, hat ein Leben geführt, so bunt und schillernd wie ein Karnevalskostüm, ein Leben, das nach der Wende auf allen Kontinenten zu Hause ist und mit dem Abbruch eines Dolmetscherstudiums wegen einer Anstellung bei Tee Gschwendner beginnt. Von der geplanten Filiale in Moskau, die Uwe leiten sollte, musste wegen zu hoher Schutzgeldforderungen der russischen Mafia allerdings abgesehen werden. Uwe erzählt seinem Gegenüber in vier nicht ganz hellen, aber auch nicht wirklich dunklen Nächten von seinen Liebhabern, die, im Gegensatz zu ihm, immer jünger wurden; er erzählt von seinem Bruder, der als Chauffeur von Prostituierten in einen Drogendeal verwickelt wurde und just in dem Moment, als Uwe seine Dozentenstelle für DDR-Literatur und -film an der Univerisity of New York beginnen sollte, für zwei Jahre in den Knast ging, erst nach Stadelheim und dann nach Moabit. Er erzählt von dem Bagger, mit dem sein Bruder nach dem Tod des Vaters den Biesdorfer Garten auf der Suche nach Gold und Devisen umgrub.
Zu viel Schnaps – bevorzugt ein mit Meerrettich aromatisierter Wodka – und zu wenig Schlaf in diesen vier Petersburger Nächten lassen in dem Essay nicht nur die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen; mit der Zeit verhaken sich auch die Lebensläufe von Fragendem und Befragtem ineinander. Und als die Corona-Pandemie die Welt zum Stillstand bringt, werden die beiden zu zwei »Ostberliner Jungs, aufgehalten in ihrer lebenslangen Flucht, eingeschlossen in der Zeit wie in Bernstein.«

Osang ist im lapidaren Tonfall des Gesprächs ein Meisterwerk gelungen: ein Gesellschafts-, Geschichts- und Familienporträt, dessen Tiefgang sich in aus Augenwinkeln beobachteten Szenen verbirgt, ein Text, so fesselnd und ernüchternd und dennoch voller feinem Humor, wie man sich eine Lektüre nur wünschen kann.

aufbau
Hardcover, 238 S., ca. € 22,-


DAS IST DRIN
mehr als nur eine
schillernde Figur
aus dem Osten
(nicht Merkel)
 unfassbar,
vielschichtig,
großartig schlicht