Jocelyne Saucier
Was dir bleibt
Roman
Aus dem Französischen (Québec) von Sonja Finck und Frank Weigand

Gladys Comeau steigt am 24. September 2012 in den Northlander und verlässt die kleine Siedlung mitten in Kanada, in der sie 55 Jahre gelebt hat. Ein anderer Mensch würde so spazieren gehen: ohne Tasche, in zufällig gewählten Kleidern, eine Alltagshandlung. Die Geschichte dieser außergewöhnlichen Reise wird ein 43-jähriger Englischlehrer erzählen.
Was die beiden verbindet? Das Eisenbahnnetz Nordkanadas und eine gemeinsame Passion für die Geschichte der Züge, die einst und heute auf den Schienen dort unterwegs waren und sind. Jocelynes Saucier schaut in ihrem Roman auf viele Situationen mit weit offenen Augen und lässt all das vorbeiziehen, was uns so wichtig und unabänderlich zu sein scheint.

Vertrauen und Loslassen – und eine gute Portion Glück, das ist Gladys Lebensmotto. Sie soll in einem Zug geboren worden sein. Sicher ist, dass sie als Tochter des Lehrerehepaares Campbell die ersten 16 Lebensjahre in einem school train unterwegs war. Von Dampflokomotiven gezogen, bestand diese Schule auf ehernen Rädern aus einem Waggon mit einem beheizbaren Klassenzimmer und drei winzigen Diensträumen für das Lehrerehepaar und dessen vier Kinder. Sieben school trains waren zwischen 1926 und 1967 im Norden Ontarios unterwegs, um den Kindern der Wälder das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.
Mit Suzan Sheldon, der Freundin aus school train-Zeiten und dem einzigen Menschen, dem Gladys in ihrem Leben je vertraut hat, spielt sie noch bei ihrem letzten Besuch 2012 ein Spiel ihrer Kindheit: Die beiden lauschen auf das Geräusch, das die Räder der Waggons am Schienenstoß machen, addieren die Tuck-Tucks, und rechnen so die Anzahl der Waggons des vorbeifahrenden Zuges aus.
Ist es eine Odyssee, eine Flucht oder eine Reise, auf die sich Gladys an jedem Tag im Herbst begibt? Wer wird für ihre Tochter Lisana sorgen, die im Gegensatz zu ihrer stets frohgemuten Mutter jeden Tag nur mit Mühe durchsteht und den Lärm des Sturms und des ohrenbetäubenden Donners mehr liebt als sie je einen Menschen zu lieben in der Lage war?

In dieser Geschichte scheint alles möglich zu sein, die Welt zeigt sich aus einem anderen Blickwinkel. Und schon gibt es keine Bewertungsmaßstäbe mehr, kein normal, kein gut oder schlecht, nur ein Leben, das sich aus sich selbst erklärt. »Was dir bleibt« ist ein schöner Roman, in dem man sich auf sehr angenehme Art und Weise verlieren kann.

Insel
Hardcover: 253 S., ca. 22,- €


DAS IST DRIN
eine
ungewöhnliche Reise
mit einer Passion
für Eisenbahnlinien
und einer anderen
Sicht auf das Leben
 
 
 

AUTOR/IN
Biographie