Maren Kames
luna luna

luna luna ist eine Odyssee durch unsere Welt der Gewalt und der Liebe, der Projektionen und Sehnsüchte und Wahrheiten. Hier spricht das globale, nicht mehr zu verortende Ich des 21. Jahrhunderts, ein verletztes, gehetztes, aufgebrochenes, ausgetrocknetes Ich, das zum Mond blickt, um dem Wahnsinn der Erde zu entkommen. luna luna arbeitet mit Vergewaltigung, Inszenierung und prosaischem Gebrauch von Sprache, die abbildet, was mit diesem Ich geschieht.

Zwei Rollen werden in diesem Lebensgesang vergeben: Der Sheitan, die Manifestation des Teuflischen, seines Artikels wegen auch im Deutschen männlich, er trägt in luna luna eine Basecap; die Geisha, seine Gegenspielerin – oder doch nicht? – lässt auf sich warten. Sie kann Prostituierte sein, ist Bewahrerin der Künste, aber nicht schon immer weiblich. Diese beiden stecken in jedem von uns, tauchen auf, wenn wir nicht damit rechnen, plagen uns, selbst ihre Abwesenheit kann schmerzhaft sein. Assoziiert werden können auch bewegte Bilder: Saitaan 1974 von Feroz Chinoy; Sheitan 2006 von Kim Shapiron. Oder The Geisha 1983 von Hideo Gosha; Geisha 2005 von Rob Marshall. Und verlinkte Themen, in Modulationen wiederkehrend, gibt es viele, ein Beispiel:

»insgeheim                                                    »stehe hier auf meine mole
 stehe ich auf meiner mole                              halte mein offenes hemd in den wind
 im meer                                                         und warte auf passanten«
 und sehe schön aus«

Ist das Lyrik? Naheliegend, Maren Kames‘ Gedicht mit seinen drei Strophen »scheiße und eiskaltz«, »krieg« und »liebe (wohin)« wäre dann ganze 108 Seiten lang. Prosa? Selbst das ist vertretbar, freie Redeformen der Umgangssprache finden sich hier kondensiert neben und in verschlüsselten Traumsequenzen, sie brechen sie auf, kontrastieren sie, eine poetische Prosa. Und Drama? Auch davon genug, szenische Einwürfe, Regieanweisungen, bis hin zur musikalischen Untermalung mit Soundtracks von Alphaville über Bon Iver und Fleetwood Mac bis Tom Waits. Wer die Stücke kennt, hört die Musik wie das Rauschen des Meeres – unter den Worten. Als stünde man auf einer Mole.

Tatsächlich hat Kames aber mit luna luna ein neues Genre des Versprachlichens von Träumen, Bildern, Ängsten und Erlebnissen geschaffen; ein Genre, das alle Grenzen sprengt – zwischen Literatur, Musik und Filmkunst. Ein Genre, das dem Texten auf kleinstem Raum entsprungen ist. Ein Gedanken- und Bilderfluss, der an jeder Stelle unterbrochen und wieder aufgenommen werden kann. Dadurch ein mobiler Text, dabei Gegenentwurf zur Gedankenlosigkeit elektronischer Nachrichten. Ein Text, der sich jeder Zu- und Einordnung widersetzt. Eine moderne Fuge. Ein Mondgesang.

secession
Hardcover: 108 Seiten, ca. 35 €


DAS IST DRIN
der aufschrei des
modernen menschen
nominiert für den Preis
der Leipziger Buchmesse
ein sprachliches Feuerwerk