Kai Weyand
Die Entdeckung der Fliehkraft
Roman
Gelesen vom Autor
Mit Musik von Tomasz Edwards

Wohin führen uns die Gedanken, mit denen wir unserem Alltag entfliehen? Was geschieht, wenn jemand seine Sehnsüchte zum Motor seines Lebens macht? Kai Weyand erzählt hier die Geschichte eines Mannes, der die Realität durch anderes ersetzt, weil sie ihn bisweilen langweilt, bisweilen überfordert. Im Spiel mit Wörtern findet dieser Mann einen Zugang zu einer anderen Welt und eine neue Liebe. Ein Roman von großer Leichtigkeit und Tiefe, der hier vom Autor selbst gelesen und mit Musik von Tomasz Edwards auf das Feinste untermalt wird.

Es ist schon für sich ein Fluch, Karl Löffelhans zu heißen, und das erst recht, wenn der Vater schon Karl heißt und Löffelhans auch. Karls Vater Karl-Friedrich lebt im Altenheim und kann sich an nicht mehr viel erinnern. Oder er will nicht. Mit dem Fahrrad macht Karl sich ab und an auf den Weg zum Vater, gar nicht so selten, denn sein schlechtes Gewissen plagt ihn. Das regt sich auch, wenn der Blick auf das Handy im Bett das erste ist, was Karl morgens tut. Früher hat er zuerst nach seiner Frau Lydia geschaut, neben sich. Doch da ist jetzt meist nur noch die Wärme ihres Körpers, nicht mehr Lydia selbst; sie steht früh auf, vielleicht meidet sie ihn.
Im Unterrichten fühlt sich Karl wohl, er gibt Deutschunterricht im Gefängnis, soll seine 23 Eleven bis zum Hauptschulabschluss bringen; es sind etliche Schwerstverbrecher darunter. Für sie und mit ihnen versucht er in seinen Stunden eine andere Welt, die der Literatur, des magischen Wortes zu eröffnen. Es gelingt ihm, damit bis zu dem einen oder anderen vorzudringen, aber in den Köpfen der Gefängnisinsassen schlagen die Argumente der Realität fast immer die der Fiktion.
Karl lässt sich dagegen gern von eigenen und geteilten Parallelwelten, durchaus auch von seiner eigenen Sicht der Dinge davontragen. Eine dieser Welten wird zu seiner wichtigsten: Der Austausch von Nachrichten mit Karoline Merlinger, die er vor einem Jahr bei einer Veranstaltung mehrerer Schulbuchverlage kennengelernt hat. An sie denkt er, wenn zu Hause die lauten und die stillen Vorwürfe seiner Frau aus allen Ecken kriechen, an sie denkt er, wenn er Sätze seiner Schüler im Knast auf ein Blatt Papier schreibt und in die Freiheit segeln lässt. Ihr schreibt er auf seinem Smartphone immer öfter, er verliebt sich in ihre Worte.

Als in der Nachbarschaft ein Unglück geschieht, beginnt Karls Kartenhaus inmitten der schönen Parallelwelten zu wanken und er muss sich ernsthaft mit seinem Anteil an diesem Unglück auseinandersetzen. Tomasz Edwards‘ Musik hat die Themen von Weltflucht, erträumter Leichtigkeit und Melancholie in seine Musik hineingenommen und verstärkt die Wirkung der Worte, verstärkt die Intensität der Geschichte, die Kai Weyand von dem sirenenbetörten Karl erzählt. Ein Hörgenuss!

griot
5 Audio-CDs, Laufzeit ca. 355 Minuten, ca. € 24,90
Hardcover: Wallstein, 198 Seiten, ca. € 20,-


DAS IST DRIN
Weltflucht als
letzter Ausweg?
ungekürzte Autorenlesung
untermalt mit Musik,
die den Roman spiegelt