Norbert Scheuer
Winterbienen

Roman

Vielleicht sieht er gut aus, jedenfalls kann er charmant sein und sein Erfolg bei den Frauen ist die eine Sache, die Egidius Arimond in Gefahr bringt. Mit der Frau des Eifeler Kreisleiters wäre der frühzeitig aus dem Schuldienst entlassene Lateinlehrer jedenfalls besser nicht im Bett gelandet. Jedenfalls nicht in den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs und noch dazu als Epileptiker, dem nur wegen seines Bruders, eines erfolgreichen Kampffliegers, die Vernichtung seines „lebensunwerten“ Daseins erspart worden ist. Doch Egidius, der die Bienenstöcke seines Vaters geerbt hat, ist gewohnt, mit Schönheit und Gefahr gleichermaßen umzugehen …

Seine Vorliebe für schöne Frauen mag gefährlich sein, ist aber bei weitem nicht so riskant wie seine Aktionen, mit denen er die horrenden Summen für die notwendigen Medikamente verdient. Ohne Medikamente kann Egidius nur wenige Tage, geschweige denn Wochen überleben. Und der Apotheker vor Ort, ein überzeugter Nationalsozialist, sähe den Epileptiker lieber gestern als heute unter der Erde.
Es sind die Lockenwickler seiner Geliebten, die die Flüchtlinge retten, wenn Egidius sie in den Bienenstöcken bis an die belgische Grenze transportiert. Denn in diesen kleinen Metallrollen, die sich auf dem Frisiertisch nahezu jeder Frau finden, versteckt Egidius seine Königinnen. Wenn er die Lockenwickler den Flüchtlingen anheftet, sind diese in Kürze über und über mit Bienen besetzt, jedoch vollkommen geschützt durch die Anwesenheit der Königin – und für ihre Verfolger unsichtbar.Trotzdem gelingen Egidius‘ Unterfangen nicht immer. Als er zum Ende des Krieges hin bei der Gestapo denunziert wird, scheint seine Lage vollkommen aussichtslos zu sein.

Wie Scheuer hier mehrere Handlungsstränge mit Gebrauchsgegenständen (wie den Lockenwicklern) oder auch Geräuschen (das überlaute Surren der Bienen in nächster Nähe und den Fluglärm der Flieger) verknüpft und so immer wieder neue Assoziationsketten anreißt, ist einfach meisterhaft. Sie glauben, damit wäre alles erzählt? Weit gefehlt. Dieser Roman birgt Bilder von berauschender Schönheit und großem Grauen, hier ist die Grenze von der Faszination zur Gefahr fließend, wird alles, was an Wertvorstellungen galt und gilt, auf den Kopf gestellt. Einen Roman so feinsinnig und dabei völlig ungezwungen zu komponieren, genau das ist die Kunst, die Norbert Scheuer von Werk zu Werk perfektioniert.

C.H.Beck
Hardcover: 319 Seiten, 13 Zeichnungen, ca. € 22,-


DAS IST DRIN
Tagebuch eines Einzelgängers
im Zweiten Weltkrieg
in der Eifel
leise im Tonfall,
großartig komponiert