Steven Bloom
Mendel Kabakov und das Jahr des Affen
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Silvia Morawetz

Mendel Kabakov erinnert sich: Sie stand an der Fifth Avenue mit einem weißen Stock in der Hand und überquerte die Straße nicht. Er bot ihr seine Hilfe an, sie legte ihre andere Hand auf seinen Arm und ließ sich von ihm über die Straße führen, er zweiunddreißg Jahre alt, sie siebenundzwanzig. Beide hatten noch nie jemanden geküsst. 1968, im Jahr des Affen, nach fast fünfzig gemeinsamen Jahren, trauert Mendel Kabakov um seine Frau.

Nie ist er einem Menschen näher gewesen, auch seinen beiden Kindern Sammy und Eva nicht. Der pensionierte Professor für amerikanische Geschichte ist nach Sonias Tod so verzweifelt, dass er, der mit 16 seines strengen jüdischen Vaters wegen aus dem Elternhaus floh, beschließt, Schiwa zu sitzen. Neben seinen beiden treuen Freunden Fritz und Graham kommen viele. Sogar Brewster, ein langjähriger Kollege, der den Juden Kabakov nie leiden konnte, weil der die unglaubliche Chuzpe besaß, die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, deren Hang zu leichtfertiger Kriegsführung und sämtliche Präsidenten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Damit hat Kabakov nie aufgehört, auch nach seiner Pensionierung nicht. Die kritische Beschäftigung mit der amerikanischen Tagespolitik war eines der wichtigen Themen zwischen den Eheleuten. Sonias Familie, deren Erbe sie als einzige Tochter angetreten hat, war vermögend. Bei jeder Präsidentschaftswahl diskutierten die beiden, welchem der Kandidaten man eine großzügige Spende zukommen lassen sollte.
Auch Mendels Kinder und Kindeskinder sind von diesem zutiefst demokratischen Streben der Eltern geprägt – unterschiedlicher kann man sie sich kaum vorstellen, als der Vater sie zeichnet. Dementsprechend unerbittlich (und manchmal auch unerträglich) sind die Auseinandersetzungen, wenn die Familie an Feiertagen aufeinandertrifft. »Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist: was in diesem Land los ist oder in meiner Familie.«, kommentiert Eva, als die Auseinandersetzungen in Chicago nach der Ermordung Martin Luther Kings ihren Höhepunkt erreichen und beide Kinder Mendels kurz davor sind, ihre Ehen zu lösen.

Bis auf seinen ersten, mehrfach ausgezeichneten Roman »No new jokes« ist kein weiterer der ins Deutsche übersetzten fünf Romane Steven Blooms im Original erschienen. In New York geboren, lebt der Autor heute in Heidelberg; sein Blick über den großen Teich ist immer kritisch, aber zugleich geprägt von einer unauslöschbaren Verbundenheit mit seinem Geburtsland. Ihm, vor allem aber den USA wäre es zu wünschen, dass seine Stimme dort wieder gehört würde. »Mendel Kabakov und das Jahr des Affen« wäre ein gelungener Einstieg.

Wallstein
Hardcover: 206 S., ca. € 20,-
E-Book: ca. € 15,99


DAS IST DRIN
Geborgensein und Fremdheit
ein neues Leben im alten
zart, einfühlend und
überraschend politisch