Michèle Desbordes
Die Bitte
Eine Geschichte
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer

Es könnte da Vinci gewesen sein, doch sein Name bleibt ungenannt: Im reifen Alter vom französischen König an die Loire gebeten, überquert ein italienischer Renaissance-Künstler mit seinen Schülern die Alpen. Er soll dort eine Schlossanlage bauen. Auf dem Landgut an der Loire erwartet Tassine, eine unscheinbare, alterslose Dienerin, den betagten Meister.

Sie bereitet das Essen für die Herren, trägt auf, schweigend, denn sie spricht ihre Sprache nicht. Sie erntet im Garten, versorgt den Esel, wäscht die Wäsche und scheuert die Terrasse, während er zeichnet, die Pläne seiner Schüler betrachtet und korrigiert, das Land erkundet, am Feuer sitzt, sich wärmt. Das Rascheln ihrer Röcke, sein auf ihr ruhender Blick. Eine Kette wird er ihr zum Geschenk machen, Perlen, selbst aufgefädelt auf einen silbernen Faden. Und sie wird die Kette anlegen, sich bedanken, Kräuter aus dem Garten holen, sich noch einmal bedanken und zu Bett gehen. An einem der Abende wird sie im Nachtkleid in die Küche heruntersteigen, schlaflos wie er, der dort am verlöschenden Feuer sitzt. Sie wird eine Bitte aussprechen, leise weinen, gemeinsam mit ihm schweigen, lange, bis der Morgen aufsteigt. Dann wird sie ihn fragen, ob er jetzt seinen Kaffee wünscht.

Es ist ein stiller Text, eine unaufgeregte Geschichte, die sich aus lauter Miniaturgemälden zusammensetzt, in denen die stilisierte Natur, die Jahreszeiten, das Licht, die gewählten Bildausschnitte eine entscheidende Rolle spielen, weniger die Handlung, das Geschehen. Dennoch sind die Szenen, die Desbordes hier mit Worten malt, in ihrer Wirkung nicht weniger intensiv. Ein außergewöhnlich schönes, erholsames Buch.

Wagenbach
Hardcover: 128 Seiten, Leinen, ca. € 14,90
Französischsprachige Broschur: Verdier, ca. € 11,66
Französchsprachiges Taschenbuch: folio, ca. € 5,90

 
DAS IST DRIN
16. Jahrhundert
Miniaturgemälde
der Künstler und die Bedienstete
 
 
 

AUTOR/IN
Biographie